Theater - Der gute Mensch von Sezuan
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert." "Oh!" sagte Herr K. und erbleichte.
(Bertolt Brecht: Das Wiedersehen)
"Der gute Mensch von Sezuan": Akuter Fall von Größenwahn?
Den "Guten Menschen von Sezuan" spielen mit 14 – 17Jährigen???Wenn man – selbst Amateur – mit Schülern – auch Amateuren – Theater spielt, gibt es meiner Ansicht nach zwei Möglichkeiten:
Die Schüler schreiben selbst ein Stück oder man spielt "Weltliteratur", das heißt: entweder gehört das Stück uns oder wir eignen uns etwas Großes an. Amateurtheaterstücke bieten weder das eine noch das andere.
Also haben wir die Herausforderung des "Guten Menschen von Sezuan" angenommen und haben dabei sogar auch das Scheitern mit einkalkuliert – aber wenn schon, dann auf möglichst hohem Niveau. Vielleicht jedoch gelingt es uns, dieses wunderbare und schwierige Stück unserem Publikum wirklich nahe zu bringen:
Ein Mensch kommt unfreiwillig zu der Mission, der gute Mensch sein zu sollen, der - nach dem Wunsch der hilflosen Götter - die Welt oder zumindest die Stadt Sezuan retten soll und dem dies in unserer menschenverachtend eingerichteten Welt nur einigermaßen gelingt, wenn er sich eine brutale Doppelexistenz schafft, ohne die er untergehen würde.
Ein Parabelstück nennt es Brecht. Also muss sich alles an der Achse spiegeln: dort das Stück mit seinen Figuren und hier: WIR: genauso kleinlich, feige, halbherzig, egoistisch wie die Personen um den "guten Menschen" Shen Te, genauso abhängig von ihrer eigenen Suche nach ihrem kleinen privaten Glück, ohne Blick für das Ganze.
Sie sind nicht wirklich böse, sie kaufen wahrscheinlich auch ab und zu Fair – Trade - Bananen, spenden zu Weihnachten für "Nachbar in Not" und finden Kinderarbeit entsetzlich, aber ansonsten sagen sie meist "Was kann denn ein Einzelner dagegen tun?" oder "Und wer kümmert sich eigentlich um meine Sorgen?"
Das Spiegelbild, das Brecht uns und sich selbst vorhält, ist nicht angenehm, aber heilsam, denn er klagt die Verhältnisse ebenso an wie den Einzelnen, der die Pflicht hätte, an ihrer Veränderung mitzuwirken.
Und das Berührende dabei ist: Er, der immer wieder predigt, Theater solle zum Mitdenken anregen, nicht wie ein Hollywood-Film erschüttern, er kann nicht anders, als gerade mit seiner kargen und vordergründig emotionslosen Sprache einem mitten in die Magengrube zu fahren.
Uns hat das Stück mit seinen Personen, die wir darstellen, im doppelten Sinne ein Schuljahr lang beschäftigt.
Wir hoffen, dass es unsere Zuschauer auch eine Zeit lang beschäftigt und --- vielleicht auch verändert, damit ihnen die Enttäuschung des Herrn K. erspart (s. o.) bleibt.
Dietmar Rudolf
P.S. Es ist für den Theaterleiter immer wieder fast wie ein Wunder, was junge Leute in den letzten 14 Tagen vor einer Aufführung aus sich herausholen können. Wenn man den Reaktionen des Publikums glauben darf, dann haben die 15 Schauspieler und 5 Musiker bei den drei Aufführungen ein Niveau erreicht, dass über das bei Schülervorführungen übliche weit hinausgeht. Von der allseitigen Bitte, unser Stück unbedingt im Herbst wieder aufzunehmen, waren wir natürlich sehr geschmeichelt; wir werden ihr nachkommen.
Die einzige Bitte des Theaterleiters an das Ensemble wäre, ihm das nächste Mal nicht so lange zu verheimlichen, WIE gut es ist; es würde ihm einige Nerven sparen.
Die Schauspieler
| Lorenz Hutegger | Wang, ein Wasserverkäufer |
| Astrid Dürnberger | Göttin 1 |
| Lena Gusmag | Göttin 2 |
| Sarah Adamek | Göttin 3 |
| Clara Irnleitner | Shen Te/Shui Ta |
| Oliver Punz | Yang Sun, arbeitsloser Flieger Der Neffe |
| Alexandra Fierascu | Frau Yang, Suns Mutter Arbeitsloser Eine Prostituierte |
| Sara Baier | Die Witwe Shin |
| Philipp Brandauer | Der Schreiner Lin To Der alte Teppichhändler |
| Amanda Augustin | Die Hausbesitzerin Mi Tzü Aufseher |
| Benedikt Meixl | Der Polizist |
| Andreas Reichl | Der Barbier Shu Fu Der Mann |
| Gabriella Nußbaumer | Die Teppischhändlerin Die Frau |
| Michaela Walch | Die Schwägerin Eine Prostituierte |
| Dinko Hadzihajdarevic | Herr Tscheng u. a. |
Die Musiker
| Martha Marko | Violine |
| Iris Marko | Querflöte |
| Dorothea Beck-Mannagetta | Violoncello |
| Andreas Reichl | E-Gitarre |
| Dietmar Rudolf | Klavier |
Backstage
| Bühnenbild | Alexander Milo |
| Kostüme | Elisabeth Dürnberger |
| Licht | Franz Schmalzl |
| Maske | Dürnberger/Gusmag |
| Plakatentwurf | Hadzihajdarevic/Rudolf |
| Fundraising | Augustin/Baier |
| Musik (z.T. nach Dessau), musikal. Leitung und Regie |
Dietmar Rudolf |
Plakat
